Monday, October 20, 2008

Über Leben



Oktober = Buchwochenzeit. Diesmal mit einem neuem Sonderheft. Zeit Literatur. 102 Seiten voller belletristischer Neuerscheinungen "über Liebe und Hunde, Krieg und Frauen, Mord und Überleben". Passend zum Überleben, Gedanken zu Darwin. Und passend dazu, eine einzige kurze Kurzgeschichte. Und eine Gedichtreihe mit Fotos. 7 DichterInnen mit Kurzporträt und Gedicht-Foto auf 8 Seiten.

Die Überraschung folgte diese Woche: "Was macht eigentlich Daniel Kehlmann?" fragt das Zeit Magazin. Und gibt die Antwort darauf in einer Kurzgeschichte und einem Porträt, in dem es - ebenso wie in der Kurzgeschichte - um das Thema Ruhm und Porträts geht.

Daniel Kelhmann sagte während unsere ersten Begegnung im Kreuzberger Restaurant Grünfisch, dass Ruhm nur dann erträglich sei, wenn er, wie Misserfolg, mit Gleichmut behandelt werde. Vielleicht ist dies das heimliche Zentrum seines neuen Buches.

Und passend dazu, 2 Fragen aus der Kurzgeschichte:

86) Halten Sie es auch manchmal für möglich, dass Sie selbst ein Platzhalter sind, ganz wie jene Platzhalter, die Sie sich aus der Not schaffen, um es dann Kunst zu nennen?
87) Ist Kunst immer eine solche Platzhalterschaft, oder gibt es auch eine substanziell andere?

Und bin es nur ich, oder lacht die Eule in dem Bild?

Sunday, October 12, 2008

Zindelfingen



Oktober. Die Welt, im Schatten der Finanzkrise, die wie ein Beben wirkt, besonders hier, in der für sicher gehaltenen Welt Mitteleuropas. Vielleicht zieht es mich auch dadurch zu Büchern und Geschichten aus Osteuropa - aus einer Region, die aus der Krise kommt.

Aleksander Hemon, ihn kannte ich schon aus der Sammlung "Der Andere Nebenan", die ich im März gelesen habe. Jetzt kam eine Kurzgeschichte von ihm im New Yorker. "The Noble Truth of Suffering." Die Geschichte spielt in Bosnien. Und dreht sich um das Leben. Und das Schreiben.

When he was young, like me, he sid, he had though that all the great writers knew someting he didn't. He'd thought that if he read their books he would learn something, get beter: He'd thought that he would acquire what those writers had: the wisdom, the truth, the wholeness, the real shit. He had been burning to write, hungry for that knowledge. But now he knew that that hunger was vainglorious; now he knew that writers knew nothing, really - most of them were just faking it. He knew nothing. There was nothing to know, nothing on the other side. There was no walker, no path, just walking. This was it, whoever you were, wherever you were, whatever it was, and you had to make peace with that fact.

Marina Lewycka kannte ich vorher nicht. Es war das Cover, das mich am Buch hängenbleiben ließ. Und der kleine Pinguin. Und dann, der Titel: A Short History of Tractors in Ukrainian. So heißt der Roman, und so heißt auch ein Buch im Roman selbst, der von der Generation danach erzählt. Von zwei Schwestern, deren Eltern aus der Ukraine kamen. Am Ende des Buches, eine Karte.

"This is our journey. Ukraina to England." He traces the line backwards. "Same journey, other direction." His voise is laboured, croaky. "Look, here in south near Stuttgart is Zindelfingen. Ludmilla was working in Daimler-Benz assembly. Nineteen forty-three."

Und dann, eine Seite weiter, eine Passage, die fast wie eine Reflektion der Hemon-Passage wirkt.

When I was young, I wanted my father to be a hero. I was ashamed of his graveyard desertion, his flight to Germany. I wanted my mother to be a romantic heroine. I wanted their story to be one of bravery and love. Now as an adult I see that they were not heroic. They've survived, that's all.

Die noble Wahrheit des Leidens.

Ist Leben.

Monday, September 29, 2008

Endzeit



Ende September. Herbst mit Sonnenschein, und mit täglich irritierenden Nachrichten aus den USA. Eine Bank nach der anderen kollabiert. Und der Wahlkampf läuft.

Ich blättere in Cormac McCarthy, und stoße auf diese Zeilen, geschrieben 2005.

Ich glaub, ich weiß wohin es mit uns geht. Wir werden mit unserem eigenen Geld gekauft. Und es sind nicht bloß die Drogen. Da draußen werden Vermögen angehäuft, von denen kein Mensch ewas weiß. Was glauben wir eigentlich, zu was dieses ganze Geld führen wird? Geld, mit dem man ganze Länder kaufen kann. Das ist ja auch schon passiert. Kann man auch dieses Land damit kaufen? - Ich glaub nicht.

Das Buch, das McCarthy nach Kein Land für alte Männer geschrieben hat, war glaube ich, The Road. Ein Endzeitbuch.

Und noch eine seltsame Parallele. Ein Kommentar aus dem Herr der Ringe Leserbuch.

Ich bin Amerikanerin. Was ich möchte, ist, weiterhin genau das zu tun, was ich die ganze Zeit schon getan habe, so schlecht es auch sein mag, bloß dass ich zunächst einmal hören möchte, das sei schon okay, weil es nicht meine Schuld ist. Ich muss also jemand finden, dem ich die Schuld dafür geben kann.

Wobei das natürlich gleichermaßen für den Rest der Welt gibt. Es ist immer die einfachste Lösung, den schwarzen Peter an die USA weiterzureichen.

Saturday, September 27, 2008

Die nie endende Geschichte



Wer hätte das erwartet: ich bin im Auenland hängengeblieben. Nach dem Herrn der Ringe auf deutsch lese ich nun den Hobbit, im Original. Mit rotem Drachen auf dem Cover. Mit herausfallenden Seiten. Und mit diesem wunderbaren tolkienschen Vorwort, das mich darauf aufmerksam macht, dass auch das Original nur eine Annäherung an die Sprache von Mittelerde ist.

This is a story of long ago. At that time the languages and letters were quiet different from ours of today. English is used to represent the languages.

Und dann, der erste Satz, den ich schon aus der Biografie kannte.

In a hole in the ground there lived a hobbit.

Parallel dazu blättere ich in Tolkiens Zauber. Ein Buch mit Essays und Erinnerungen von Fantasy-Autoren. Fast jeder erzählt, wann er Tolkien zum ersten Mal gelesen hat, und wie es dazu kam. Ein weiterer roter Faden: der Einfluss, den Tolkien auf das danach geschriebene hatte. Wie Terri Windling.

Das College bedeutete für mich, dass ich den dunklen Wald verließ und an einen helleren Ort gelangte. Es war ein Leben, das die Eigenschaften hatte, die Tolkien fom Ende eines Märchens verlangte: Den Trost der Freude, und das, was er als "wunderbare Gnade" bezeichnete. Obwohl ich dieses hellere Land sehr liebte, gibt es doch Zeiten, da ich mich in den Wald, in die Dunkelheit zurückbegebe, zum es war einmal der nie endenden Geschichte.

Und dann war noch - Rilke. Auch bei ihm blieb ich hängen. Und lese, immer wieder, dieses eine Gedicht.

Oft fühl ich in scheuen Schaudern
wie tief ich im Leben bin.
Die Worte sind nur die Mauern.
Dahinter in immer blauern

Bergen schimmert ihr Sinn.

~

Wednesday, September 24, 2008

In gar keinem Land



Mark Twain heist eigentlich Samuel Langhorne Clemens. Seinen Namen hat er von seiner Zeit als Schiffslotse: Markiere zwei Faden. Mark Twain. Und hier, noch mehr über ihn:

Mark Twain wußte wahrlich, was ein Hinterwäldler ist. Er kannte die hoffununglose Verlorenheit der amerikanischen Provinz, weil er ihr entkommen war.

All das steht in deinem kleinen Band, der so wunderbar handlich zu einem Saunabesuch passt. 85 Seiten, davon 38 ein Nachwort namens "In gar keinem Land" - die Antwort des Amerikaners auf die Frage eines Ausländers, in welchem Land er hier denn gelandet sei.

"What country?"
"Why, dern it all, you ain't in any country."


Als ich die beiden Sätze lese, denke ich wieder daran, dass es besser wäre, alle Bücher im Original zu lesen, statt in einer Übersetzung.

Wie zum Beispiel American Youth. Von Phil LaMarche. Ein Buch, das mit einem Cormac McCarthy Zitat beginnt, das sich eingräbt. Um so mehr, als ich erst letztes Jahr The Road gelesen habe.

Scars have the strangest power to remind us that our past is real.

American Youth könnte vielleicht der heutige Twain sein. Seine Geschichte spielt genau dort, in gar keinem Land. In einem Provinznest, in dem das neue und das alte Amerika aufeinandertreffen.

It's hard to watch the langscape of your childhood disappear, and I think that the personal experience of that loss is what might sway my opinions concerning the two different cultures. I could be like the American Youth gang and become resentful and tehn do my best to justify and bolster that feeling, but where would that get me?

Auch diese Passage, aus dem Nachwort, das eigentlich ein Interview ist, und "A conversation with Phil LaMarche" heißt.

Friday, September 19, 2008

Einfach Kunst



September. Der Herbst kommt übers Wochenende. Während ich Spaghetti esse, gehe ich mit Andreas Meier ins Römermuseum. Erst hätte ich den Artikel fast überblättert. Dann bleibe ich hängen. Und folge dem Rausch der Geschichte.

Ich gehe weiter und komme zu den Germanen. Dort betrete ich eine Fläche, auf der Kuhsilhouetten aufgezeichnet sind. Drum herum schwarze Punkte. Da man von der Schlängelrampe aus immer wieder auf bereits besuchte Ausstellungsstationen herabblicken kann, hat man viel Gelegenheit zu fragen. Was sollen eingentlich die Kuhsilhoueten da, warum sieht man schwarze Punkte auf dem Bodem? Und so weiter.
Das sei ihnen gar nicht aufgefallen, sagen die Besucher.
Unwillkürlich muss ich an Per Anhalter durch die Galaxis denken. Dort gibt es das songenannte PAL-Feld. Um einen Gegenstand unsichtbar zu machen, wird ein "Problem anderer Leute"-Feld um ihn errichtet.


Vielleicht liegt es auch an der Launigkeit des Artikels, dass ich dann einige Tage später selbst ein Museum besuche: in der Villa Merkel läuft eine neue Aussstellungm "Arbeiten mit der Sammlung Rolf Ricke". Neugierig gehe ich durch den Park, der mit verrosteten Skulpturen schon auf die Begegnung mit der Kunst vorbereitet.

Innen warten fast leere Räume, pointiert bevölkert von Kunstwerken ohne Titel. Einfarbige Leinwände in Falten. Gesplitterte Glasscheiben. Schwarze Flächen mit Loch. Alles, bis auf eine Zeile im Faltblatt, ohne Erläuterung.

"Ich will zeigen," sagt Rolf Ricke, "dass Kunst eigentlich ganz einfach ist. Sie ist ablesbar. Worum es sich auch handelt- man kann ganz genau sehen, wie etwas gemacht ist, und das schätze ich an der Kunst."

Mein Horoskop nimmt es mit Humor. "This would be a good time to see an art exhibit that challenges your preconceived views about what is beautiful," sagt es einen Tag später. "Probably this will be entertaining rather than unsettling, and you will experience something new."

Kunst und die Aufgabe und Leistung des Künstlers. Auf das Thema treffe ich dann an einem ganz anderen Ort noch einmal: auf dem Buchumschlag von Patrick Süskinds Roman "Die Taube".

Nicht nur riecht, schmeckt man, sieht und hört man, was Süskind beschreibt; er ist ein Künstler, auch wenn es darum geht, verschwundenes, verarmtes Leben in großer innerer Dramatik darzustellen.


Mit den Horoskopzeilen im Hinterkopf nehme ich dann einen zweiten Anlauf. Online. In den gesammelten Google Bildern von Rolf Ricke. "Die Sammlung spiegelt..", steht unter einem Bild. "Einfach Kunst" unter einem anderen.

Und da ist es wieder: das Loch in der Leinwand, das die Gedanken anstößt.

Thursday, September 11, 2008

Wo anfangen?



In der Zeit, in zeitlosem schwarz-weiß, Gedanken zu Menschen und Dingen, die aus Amerika kommen. Da ist zum einen der neue E-Book-Reader von Amazon. Der möglicherweise die Buchwelt revolutionieren wird. Oder auch nicht.

Noch gar nicht abzusehen, in welche Himmel und Hölle und das führen wird, aber man kann auf dem Kasten lesen. Ein Segen für die, die sowieso nie zu Hause sind. Flexible Bücher für flexible Menschen. Aber auch das Ende unserer überreichen Buchkultur? Oder nur eine willkommene Verbesserung und Ergänzung?

Daneben, ein Wehmutsartikel über amerikanische Glamourgirls, die es so hier nicht gibt: Joan Didion und Susan Sontag. Das es sie in dem abgebildeten Alter so in Amerika im Moment auch nicht gibt, fiel irgendwo aus den Zeilen.

Und dann war noch.. Margaret Atwood. Die in die Haut von Penelope schlüpft, der Frau von Odysseus. Und dabei augenzwinkernd über Anfänge und Prinzessinnen nachdenkt.

Where shall I begin? There are only 2 choices: at the beginning or not at the beginning. The real beginning would be the beginninge of the world, after which one thing has led to another, but since there are differences of opinion about that, I'll begin with my own birth.
My father was King Icarius of Sparta. My mother was a Naiad. Daughters of Naiads were a dime a dozen in those days; the place was crawling with them. Nevertheless, it never hurts to be of semi-divine birth. Or it never hurts immediately.


Die geheime Geschichte der Penelope, die dem Glamour um Odysseus und seinen Reisen zu Opfer fiel. In handlicher Taschenbuchform.

Aber reizen würde mich der e-Kasten ja schon. Mit Glamour oder ohne.

Sunday, September 07, 2008

Hinter den Wetterbergen



Auszeit in den Bergen von Frankreich. Geplant mit früheren Booker-Price Gewinnern: Kiran Desai, "The Inheritance of Loss". Und John Banville, "The Sea", in der Hoffnung, dass das gute Wetter so lange hält, dass wir auch ans Meer kommen.

Doch dann dreht der Wetterbericht, und ungeplant öffne ich daheim, keinen halben Tag vor der Abfahrt, Tolkiens Herr der Ringe. Der schon mit in Mallorca war, vor Jahren, und dennoch bisher ungelesen im Regal steht.

Diesmal könnte er nicht besser passen, dort in den Bergen, zwischen alten Ruinen, und in Schluchten, die auch aus Gondor stammen könnten. Und der, wie auch die Auszeit, keine tiefere Bedeutung hat. Jedenfalls keine geplante.

Was die tiefere Bedeutung oder 'Botschaft' des Buches angeht, so hat es nach Absicht des Autors keine. Es ist weder allegorisch, noch hat es irgendeinen aktuellen Bezug. Das wichtigste Motiv war der Wunsch des Erzählers, sich an einer wirklich langen Geschichte zu versuchen, die die Aufmerksamkeit des Lesers wach halten, ihn belustigen und erfreuen und ihn vielleicht auch manchmal erregen oder tiefer berühren könnte.

Erst auf dem Heimweg fällt mir auf, das ich mit Tolkien nicht nur in den Trollhöhen, sonder auch bei T angelangt bin.

Tuesday, August 26, 2008

Apokalyptischer Dienstag



Es ist ein luftiger, sonniger Dienstag. Die erste der Sonnenblumen fängt an, sich zu öffnen. Und ich lese apokalyptische Bücher. Beim ersten konnte ich einfach nicht widerstehen. "Schreckensbilder in der deutschen Literatur seit Jean Paul," versprach es.

Die interessanteste Passage bisher stammt von Hans Magnus Enzensberger, aus seinem Essay "2 Randbemerkungen zum Weltuntergang."

Die Vorstellung vom Millennium, vom Sonnenstaat, war kein platter Traum vom Schlaraffenland, sie hat auch immer Momente von Angst, Panik, Terror und Zerstörung mit sich getragen; und umgekehrt bringt die apokalyptische Phantasie nicht nur Bilder der Dekadenz und Verzweiflung hervor; sie enthält auch, unauflöslich mit dem Schrecken verschlungen, das Verlangen nach Rache, nach Gerechtigkeit, Regungen der Erleichterung und der Hoffnung.


Das andere Buch knüpft an ein Gespräch mit einer Freundin über die Welt an. Paul Auster, “In the Country of Last Things”. Keine leichte Kost, die Welt, die Auster dort entwirft: ein Ort, and dem Wissen und Sicherheit verloren gehen, zusammen mit materiellen Dingen, die einfach verschwinden. Doch auch dort gibt es Zufluchtsorte: eine alte Bücherei. Und ein Haus, an dessen Türe die verzweifelten klopfen können. Um dann Essen und Kleidung zu erhalten. Und manchmal sogar ein Platz zum Schlafen. Doch auch dieser Ort des Guten steckt voller Fragen.

“The moment you accept the idea that there might be some good in a place like Woburn House, you sink into a swamp of contradictions. It is not enough to argue that residents should be allowed to stay longer – particularly if you mean to be fair. What about all the others who are standing outside, waiting for their chance to get in? For every person who occupied a bed in Woburn House, there were dozens more begging to be admitted. What is better – to help large numbers of people a little bit or a small number of people a lot?”

Die Antwort darauf gibt Auster in der nächsten Zeile.

“I don’t really think there is an answer to that question.”

Das Gegenstück zu dieser Antwort: eine Hand voll Reis. "Wenn ich mir vorstelle, ich hätte eine Milliarde zur Verfügung," schrieb meine Freunding. "Was könnte ich damit anfangen, realistisch gesehen? Es wäre nicht genug, um die Welt zu verändern. Man könnte davon, wieviel, vielleicht eine Hand voll Reis für jeden kaufen?"

Saturday, August 09, 2008

Alles



"Quick Read" versprach das Buch von Joanna Trollope. The Book Boy, 94 Seiten in großzügiger Schrift. Ein Buch, dass sich leicht an einem Nachmittag lesen lässt. Wenn man lesen kann.

Wie wäre es, nicht lesen zu können? Wie Alice, die Hauptfigur in Book Boy.

"I can't - " Alice stopped again, and took a deep breath. "I can't - read very well."
Mrs Chandra looked amazed. "What has that got to do with anything?"
"Everything," Alice said. "Everything. It makes me - different."


Alles. Kein ABC. Passend auch, das ich diese Woche zu A zurückgekehrt bin. Weil es davon ein Regal voll neuer Bücher gab. Eines davon, Mitch Albom. For One More Day. Die schönsten Passagen des Buches sind Briefe, die eine Mutter ihrem Sohn einsteckt. So dass ihre Worte bei ihm sind, wenn er ohne sie ist, in einer neuen Umgebung. Wie am ersten Schultag.

I waved good-bye with the letter. It didn't occur to her, I guess, that I was just starting school and didn't know how to read. That was my mother. It was the thought that counted.

Dann noch - S. Ein Büchereibuch über eine Bücherei. Ian Sansom. The mobile library. Mit einem Nachwort, das eigentlich das Buch sein sollte.

I write because I read, and I read because I write, the two being pretty much inseparable in my mind. I don't know which came first, the reading or the writing, but I do know that I started reading because of libraries. .. The great truth and beauty of a public library is that you don't own the books: they, briefly, own you.

Lesen und Schreiben. Und Büchereien. Schön auch, in der Bücherei dann ein Buch wiederzutreffen, dem man schon einmal, für kurze Zeit, gehört hat.

Tuesday, August 05, 2008

Zen Mal Zwei



August. Zeit für die Stadtbücherei. Und zwischen den Regalen, Zeit für S. Yep. Ich lese immer noch nach dem Alphabet. Und finde so zurück zu Susan Sontag. Nicht im Original, leider. Vielleicht fällt mir das Buch auch daher schwer. Schon im Titel ist auf deutsch etwas verloren gegangen: von Death Kit zu Todesstation.

Dafür bleibe ich an den Zeilen der dritten Seite hängen.

Diddy, nicht wirklich lebendig, hatte ein Leben. Was kaum dasselbe ist. Manche Menschen sind ihr Leben. Andere, wie Diddy, bewohnen es bloß. ... Menschen, die bloß ein-Leben-haben, sind gewöhnt, sich in einer dicken Flüssigkeit zu bewegen. Nur das ermöglicht ihnen ihr Leben zu führen. Ihr Leben hängt davon ab, daß sie nicht sehen.

Zen, denke ich. Und fange nach asiatischer Tradition an, von hinten zu lesen. Auf Seite 373, bei dem Nachwort, das auch eine Erklärung ist: im Zentrum des Buches steht ein Traum. Und das Buch selbst, es ist eine Raum-Konstruktion. Eine Darstellung der Unwirklichkeit und Brüchigkeit unserer Realität.

Schnitt. Sprung. Seitenwechsel.

Von Sontag zu Stein. Die, wie Sontag, verwegene Wege geht.

"Komplikationen sind immer einfach, aber eine andere Sichtweise als die der ganzen Welt ist ganz selten. Die Sachen auf eine neue Art sehen, das ist schwierig, alles hält einen zurück, Gewohnheiten, Schulten, das tägliche Leben."

Sehen, denke ich. So wie Diddys Leben davon abhängt, nicht zu sehen - hing das Leben von Stein daran, zu sehen. So ist es auch keine Überraschung, dass es in Paris sie und ihr Bruder Leo waren, die neu sahen. Und dafür einen Raum schufen, in der Rue de Fleurus. Schwer, sich vorzustellen, dass damals all die heute großen Namen noch kleiner waren. Dass die Leute über die Impressionisten lachten, über Maler wie Cézanne, Matisse oder Picasso.

Und später dann, nach dem ersten Weltkrieg, wird der Salon Treffpunkt der neuen Literatur. Ezra Pound. T.S. Eliot. Ernest Hemingway. James Joyce. Djuna Barnes.

Und Stein schreibt. Und schreibt. Und findet keinen Verleger. Wahrscheinlich, weil sie zu weit war, für ihre Zeit.

*

Kleine Anekdote am Rand - hier, in der Biografie, finde ich zufällig die Geschichte der Rose. Sie stammt aus einem Kinderbuch, das Stein schreibt: eine Geschichte über ein Mädchen namens Rose, die im Wald ihren Namen an einen Baum schreibt.

sie würde rundherum immer rundherum aber nicht krumm Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose in die Rinde ritzen bis es ganz rundherum reichte.

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Friday, July 25, 2008

Capote / Kaléko



Normalerweise leihe ich keine Hardcover in der Bücherei aus. Und schon gar keine 760-Seiten Hardcover. Aber bei dem konnte ich nicht wiederstehen: Truman Capote. Nagelneu. Lesebändchen noch eingefaltet.

Das Kontrastprogramm dazu: Mascha Kaléko.

Zwei Lebensläufe. Zwei Welten.

Mascha Kaléko wächst in Berlin auf. Und flieht 1938 über Paris nach New York, gerade als sie ihre ersten Erfolge als Autorin hat. Dort versuchen sie und ihr Mann, über die Runden zu kommen, bis der Krieg vorbei ist.

Alles ist anders, als wir es uns in Europa vorgestellt haben - vieles besser, manches böser. Die Wolkenkratzer mitten aus der Nebel-Insel aufragend - unerwartet die hohen Türme funkelnder Lichtfenster..

Nach dem Krieg dauert es Jahre, bis Maléko bereit ist zum Schritt zurück nach Europa, doch sie findet dort keine Heimat mehr. Der Bruch in ihrem Lebenslauf wird auch zu einem Bruch ihrer Karriere. 1959 ziehen sie und ihr Mann schließlich nach Jerusalem. Doch auch hier ist kein Friede, findet sie wenig Resonanz.

Ich schnüre mein Bündel zur Reise
Nach uralter Vorväter Weise.
Sie sprechen von mit nur leise.
Ich bleibe der Fremde im Dorf.

~

Capote ist schon als Kind der Fremde, von seinen Eltern hin- und hergeschoben. Er dreht die Rollen schließlich um - vom Außenseiter zum Paradiesvogel, der im Mittelpunkt steht.

Nach der Veröffentlichung seines ersten Romans ging er auf "Grand Tour":

Sein Wunsch nach neuen Horizonten zog ihn in eine völlig andere Richtung: Europa. Zum ersten Mal seit dem Krieg konnten jetzt gewöhnliche Amerikater den Atlantik überqueren. Sein Ruf eilte ihm voraus.

Doch auch Capote findet seinen Meister im Leben: In Cold Blood. Der Tatsachenroman, der sein Hauptwerk werden soll. Wenn er es nur zusammenbekommt.

Ich stecke alles in hinein, was ich habe, und ich glaube, dass es, wenn ich sehr geduldig bin, eine Art Meisterwerk werden könnte. Manchmal, wenn ich daran denke wie gut es werden könnte, verschlägt es mir fast den Atem. Nun, das Ganze war die interessanteste Erfahrung meines Lebens, ja sie hat tatsächlich mein Leben verändert und auch meine Einstellung zu fast allem -es ist ein großes Werk, und selbst wenn ich scheitere, wird mir etwas gelungen sein.

Die Interviews zu In Cold Blood finden über ein Jahr in Kansas statt. Um die Ruhe zu finden, das Buch zu schreiben, reist Capote immer wieder nach Europa. Zur Fertigstellung braucht er 4 Jahre.

Damit beginnt der 4. Teil des Buches, das so spannend ist wie ein Roman. So spannend und unvorhersehbar wie das Leben selbst.

Sunday, July 06, 2008

unsichtbar



Juli 2008. Sonntag. Ich lese die rororo-Biografie von George Sand. Und reise mit Renate Waggershauser zurück in die Vergangenheit. Zum Dezember 1831. Dem Monat, in dem aus Aurore Dudevant ein Mann wurde. Zumindest äußerlich.

"Ich machte mir also einen Schilderhaus-Überrock von groben grauem Tuche und Hose und Weste von demselben Zeuge. Dazu trug ich einen grauen Hut und eine dicke wollene Halsbinde und sah nun ganz aus wie ein Student im ersten Jahr. Niemand beachtete mich oder ahnte meine Verkleidung."

In Paris schreibt Aurore Dudevant mit ihrem Freund Jules Sandeau einen Roman, der unter dem Pseudonym J. Sand veröffentlicht wird. Wenige Monate später folgt ein zweites Buch, von ihr alleine geschrieben. Sand soll als Autorenname dafür erhalten bleiben, in Kombination mit einem geänderten Vornamen.

"Ich wählte schnell und ohne Bedenken den Namen George." Damit war George Sand geboren, und mit diesem Männernamen nahm Aurore auch die Angewohnheit an, von sich in der maskulinen Form zu sprechen.

Bei dem Namen bleibt sie dann. Und provoziert damit, für sich die gleichen Rechte einzufordern, die einem Mann ohne weiteres zugestanden werden. Verreist mit Chopin nach Mallorca, unverheiratet. Ist später befreundet mit Flaubert, der eine Novelle für sie schreibt: Ein einfaches Herz.

..die ergreifendste der sogenannten 3 Erzählungen Flauberts. Wie von Madame Bovary, so könnte man auch von der Dienstmagd Félicité, der Hauptfigur dieser Erzählung, sagen, sie sei Flaubert selber.

~

Zeitsprung. Zurück ins Jetzt. 2006, Brooklyn. Das Buch von Siri Hustvedt, es stand nicht einsortiert zwischen den anderen Büchern im Regal, sondern neben ihnen, Cover nach vorne. Passt, denke ich. Und stolpere dann über den Titel: Being a Man. Der Inhalt selbst ist leider nicht auf englisch. Und um das Verwirrspiel zu vertiefen, heißt das Original ohnehin "A Plea for Eros."

Das Buch, es ist kein Roman, sondern eine Sammlung ihrer Essays, bei denen es auch um ihr Buch "Was ich liebte" geht - das sie als Frau aus der Perspektive eines siebzigjährigen Mannes geschrieben hat.

Leo zu sein war kein Akt der Übersetzung. Nach einer Weile hörte ich ihn. Ich hörte einen Mann. Es ist wohl unerklärlich, woher er kam, aber ich bin davon überzeugt, dass ich ihn aus der Erfahrung bezog, den Männern zuzuhören, die ich geliebt habe und liebe, besonder meinen Vater und meinen Mann, aber auch andere, die entscheidend für meine intellektuelle Entwicklung waren - jene körperlosen männlichen Stimen in den zahllosen Bücher, die ich im Lauf der Jahre gelesen habe. Ihre Worte sind in mir, aber genauso die Worte der Schriftstellerinnen: Jane Austen, Emily und Charlotte Bronte, George Eliot, Emily Dickinson, Gertrude Stein, Djuna Barnes. - Lesen heißt, den Schreiber nicht zu sehen. Marian Evans wurde George Eliot, um ihr Geschlecht zu verstecken, und es funktionierte eine Weile. Flauberts Erklärung "Madame Bovary, c'est moi" ist so ernst gemeint wie alles, was er gesagt hat.

Lesen heißt, den Schreiber nicht zu sehen. So simpel, dieser Gedanke. Und gleichzeitig so spannend. Woher kommen die Stimmen, die wir hören, wenn wir lesen? Wie würde sich die Stimme ändern, wenn der Vorname des Autors nicht auf dem Titel stehen würde?

Und, aus aktuellem Anlass: wie ist das Verhältnis von Autoren und Autorinnen, rein zahlenmäßig? Eine Internetsuche führt zur Zahl 3:1, allerdings bezieht sich die Zahl auf US-Magazine (link). Auf der Seite des Nobelpreises für Literatur gibt es den Button "nur weibliche Preisträger anzeigen" - die Liste reduziert sich dann von 106 auf 11, was einem - sicherlich nicht repräsentativen - Verhältnis von 9:1 entspricht. (link).

Die erste Frau, die den Litaturnobelpreis verliehen bekam, war Selma Lagerlöf, "auf Grund des edlen Idealismus, des Phantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung, die ihre Dichtung prägen". George Sand hat diesen Tag nicht mehr erlebt - er fand 1909 statt, 33 Jahre nach ihrem Tod.

Wednesday, June 25, 2008

Die Dinge des Lebens



Juni. Die Badrenovierung ist endlich fast geschafft. Was bisher so trivial schien - Wasserhahn, Badewanne, Waschbecken, Wandfliesen, Lichtschalter - ist nun alles ein kleines Wunder mit mehrseitiger Gebrauchsanleitung. Wollte ich diese ganzen zivilisatorischen Details wirklich so genau wissen? Gibt es das alles nicht auch einfacher und gedankenfreier?

Zeit für Auszeit. Ich packe meine sieben Saunasachen, und verziehe mich erst in den Pool, dann in den Schatten, zusammen mit Peter Carey. Und muss elf Seiten weiter lachen.

"Strong work," she said.
"You can't come in."
"Don't worry. I wouldn't track mud into a studio."
Only later did I think how few civilians would have put it quite like that. At the time I was concerned with simpler things. I led her back across the walkway to Jeanpaul's house of few possessions where the only real room was a central kitchen with a square table made of Tasmanian blackwood.
I gave her our one clean towel, a dry shirt, a sarong.
"If you use the tub," I said, "you can't use soap in it."
"Domo arigato," she called."I know how to behave."
Domo arigato? It would be six months before I would learn what that might mean.

Das Haus der wenigen Besitztümer. Da ist er wieder, der Gedanke: Was braucht man wirklich zum Leben? Wie wäre es, konzentrierter zu Leben, sich von all dem, was sich in den Jahren sammelt, zu lösen?

Eine möglich Antwort gibt mir Annette Pehnt drei Tage später. Das Buch, auch so eines, das ich in der Hand hatte, dann zurücklegte, dann doch mitnahm: Der kleine Herr Jakobi.

Der kleine Herr Jakobi beschloß, auf die Dinge des Lebens zu verzichten. Er besorgte sich zehn große graue Kisten aus festem Karton, stellte sie mitten in der Wohnung auf und begann, alles hineinzuräumen.
Sinnend schritt er noch einmal durch die gelichteten Räume und ließ den Blick schweifen. Dann lehnte er sich an die Spüle und sah auf den Himmel. Nach einer Weile griff er hinter sich nach seiner blauen Tasse, aber sie stand nicht an ihrem Platz. Ihm fiel ein, daß sie in Zeitung gewickelt auf der Mineraliensammlung ruhte. Seufzend ging er auf den Balkon und öffnete den obersten Karton.


Die grauen Kisten. Hier sind sie gelb und blau, und stehen noch im Keller. Warten darauf, dass ich mich an etwas aus dem früheren Badschrank erinnere, etwas, das ich nun unbedingt brauche. Bisher ist das noch nicht geschehen. Ein Nebeneffekt der Badrenovierung: ohne Badezimmer reduzieren sich die Tuben und Dosen und Dinge des Bades auf ein kleines, handliches Kistchen, dass sich Beautycase-artig zur Campingdusche und zurück tragen lässt.

Wobei so ein japanischer Holzzuber mit Blick auf Papyrusgras schon auch etwas hätte. Auch ohne Seife.
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Monday, June 23, 2008

Munro

it's a time of stories: a friend forwarded a link to a short story by Alice Munro in The New Yorker: The Bear Came Over the Mountain

i didn't really know Munro, but when i googled her name, i came to a longer interview in the “Zeit”, which was a good surprise read for Sunday: Munro is 75, and from Canada, and has such a laid-back professionalism. too bad the interview is in german. … let's see, if there is an English interview which conveys some of the passages.. yes, here:

~~

All writers are interested in depicting how their characters change over the course of a story; you frequently push your characters beyond a state of change—to the point of total transformation. Might you give us an example of this from your new collection?

I think it would be my father who actually changed in a way, through his children. I think it was because I had written a book or books, and he saw that there wasn't some “magical world” out there that people who lived where he lived could never reach. He saw that something like writing a book was a normal activity for some people. And that there wasn't this kind of fear of the world, that most of the people I knew had—a feeling that there were gaps that you could never cross over.

That must be a wonderful thing for you to know.

Yes, it is. But you know, with me, it didn't just happen. Everybody looking at the success they've had tends to think of their own perseverance, but in my case I just happened to be alive at a time when there were people who were there, in Canada particularly, with a strong nationalist notion of building a literature. And there were subsidies by the government. There were magazines just coming in when I was, say, in my thirties, and there was our national radio, which accepted things. And there was a kind of a—I wouldn't say it was a devotion to literature on most people's part in the country, but certainly there were people devoted to literature, to bringing Canadian literature out, and I was just in time to get this. Bob Weaver [broadcaster of Canadian Short Stories, later Anthology, on CBC radio, and a founder and editor of the Tamarack Review ] is one of the people that I really owe everything to. Also, as is obvious, it was an easier time to be a woman, especially as I grew older.

I don't think there was as strong a feeling in Canada as perhaps in some other countries about women being writers. I think there was a pretty strong feeling in the United States, in the Hemingway–Dos Passos era, and also in Australia—when I visited there, it was even worse, much worse. But in Canada, since we'd never had any writers to speak of, they were glad of what they could get.

~~~

(here the whole interview, it's long, i didn't read through it- i just browsed into it and came across the quoted passage)

it was so good to sit outside under the parasol, in the garden, reading the Alice Munro story, gazing at the flowers every now and then.

Friday, June 20, 2008

all those Important Things



solstice. and flowers, up in qarrtsiluni, in a poem titled “Transformer”- it caught my attention with the second line, and then stunned me with the last lines:

I used to think you're solid,
as I'm: like petals that
speak to the colourblind…

- Nicholas Y.B. Wong

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in celebration of solstice, i went to the spa. and it was so good to be there again. i haven't been there for 3 weeks, with all the renovation going on. and i had a surprise book with me- it's like the story of the cousins of the gribble brothers. it's written by the Australian author Peter Carey (that's why i picked it in the library, thinking of 2028 and Elle, and not being able to remember if i ever read a book by an Australian author). the title is: “Theft”. it's about a painter and his brother. here some lines:

So clock this: eight miles out Bellingen, NewSouthWales, me in my shorts and bare feet and Amberstreet like some crane or heron with his short upper body and his long thin legs and cinched-in belt and the whole of his skeleton throwing all its force into his eyes as he looked down at my canvas. The work had a sort of nailed-down fuck-you quality with al the process showing. I had already begun to glue down rectangles of canvas on to the broader field. Even in the warm misty sunlight it looked very bloody good indeed.

..If I have made myself sound calculating, let me tell you: I had not the least fucking idea what I was doing.


the guy's name? Butcher Bones.

one peculiarity of the book: it’s written in switching points of views of Butcher Bones and his brothers, who is slightly mentally handicapped – in his narrative, all those Important Words were written like this: with capital letters, conveying the irony of all the Important Things that were happening around him.

Thursday, June 19, 2008

die Zukunft, heute



Gedanken zur Zukunft im Briefkasten. A New Cultural Economy. Illustriert mit Piratenflaggen und mit - wie heißt es noch mal? Dieses kleine allesfressende Computermonster?

Die erste Zeile, Zukunft, heute.

Das Zeitalter von Copyright und geistigem Eigentum ist abgelaufen.

Drei Zeilen weiter dann die Klarstellung: die provokante Formulierung ist eine Kernfrage. Die im Futur zugegebenermaßen nicht so drastisch und provokant klingt: Das Zeitalter von Copyright und geistigem Eigentum wird ablaufen.

"Der Tag kommt, das weißt du. Das wissen wir beide, und damit müssen wir leben. Aber er kommt nicht jetzt. Nicht morgen."

Die Zeile ist nicht von ars electronica, sondern aus einem Zukunftsroman - Die Entbehrlichen. Von Ninni Holmqvist. Ein Buch über eine Zeit, in der die Menschen anhand ihres gesellschaftlichen Werts eingeordnet werden: es gibt die Benötigten. Und die Entbehrlichen. Diese werden in Sanatorien gebracht, an einem bestimmten Punkt ihres Lebens. Um dort doch noch von Wert zu sein.

"Ja, es gib ziemlich viele Intellektuelle hier, Leute, die Bücher lesen."
"Aha", sagte ich.
"Leute, die Bücher lesen", fuhr er fort, "tendieren dazu entbehrlich zu werden. In hohem Maße."

"Ach so", sagte ich.
"Ja", sagte er.

Jetzt fällt mir auch der Name des Computermonsters wieder ein, und das Prinzip des Spiels.

Pacman. Fressen oder gefressen werden.

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Monday, May 19, 2008

never mind



Was würde ich ohne die Bücherei nur tun? All die Bücher, die man auf Zeit mitnehmen kann, um daheim in ihnen zu blättern, und dann überrascht zu werden. Ja, man könnte sie auch kaufen - aber wo anfangen? In Buchhandlungen, online oder offline, stehen immer 2 Kategorien im Vordergrund: Neuerscheinungen und Bestseller. Wobei die Bestseller aus den Neuerscheinungen rekrutiert werden. Und das System so fröhlich um sich selbst kreiselt.

Daher also Bücherei. Diesmal mit einem ganzen Schwung von Büchern in Originalsprache - englisch. Früher war mir das nicht einmal bewusst, dass die meisten Bücher Übersetzungen sind. Und beim Übersetzen oft ein Stück vom Autor verloren geht. Anne Enright ist auf deutsch nicht leicht vorstellbar:

This is the way my mind runs, as I fail to gather myself together and get back on the train to the airport while my brother is decanted and transported and embalmed, somewhere in the town behind me. I go into a few shops and try normality fo a while, and end up sitting still while the loud world passes by, with a long coffee spoon in mouth, sucking.

Oder Herman Melvilles Moby Dick. Worte, gewoben wie ein Fischernetz, rauh und alt. Ich werde es nicht ganz lesen - das ist der andere Vorteil an Bücherei-Büchern: die Leichtigkeit, zu können, aber nicht zu sollen, nachdem man ja nun auch A gesagt und bezahlt hat. Doch die erste und letzte Zeile von Moby Dick möchte ich behalten.

Call me Ishmael. Some years ago - never mind how long precisely - having little or no money in my purse, and nothing particular to interest me on shore, I thought I would sail about a little and see the watery part of the world.
- But no more of this blubbering now, we are going a-whalin, and there is plenty of that yet to come.

Der Wal. Er taucht auch in Dava Sobels Buch über die Bestimmung der Längengrade auf. Ein Buch, das mich immer wieder an Erik Orsennas Lob des Golfstroms erinnert hat. Überhaupt scheint sich das Meer durch die Bücher dieser Wochen zu ziehen. Aber zurück zum Wal, und zur ersten und letzten Zeile von Longitude:

When I'm playful I use the meridians of longitude and parallels of latitude for a seine, and drag the Atlantic Ocean for whales. - Mark Twain
...With his marine clocks, John Harris tested the waters of space-time. He succeeded, against all odds, in using the fourth - temporal - dimension to link points on the three-dimensional globe. He wrested the world's whereabouts from the stars, and locked the secret in a pocket watch.

Das Bild hinter den Buchcovern ist übrigens ein Rothko. Oder bessergesagt: der Nachdruck eines Rothko-Gemäldes. Das Original heißt Untitled, ist von 1949, und würde die Bücher mit seinen zwei auf eins komma sechs Metern locker überschatten. Auch hier gibt es zwischen Original und Duplikat diverse kleine, große Unterschiede.

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Thursday, May 15, 2008

Moby Dick





today, the sky kept creating tantrums of clouds, thunder and lightning, but in the end dropped just some drops.

later, the sky looked like rain again. so i sat at the terrace door, and waited.

and it was sweet, this moment, sitting there, waiting for rain, watching single drops fall, then a bit more, and then breathing in the air, loaded by fragrances from the falling raindrops – and reading - Moby Dick. they had it in the library. i don't think i will read the whole book, i rather will just dip into it. but the first line is striking already: “Call me Ishmael”.

Longitude



art is a process. that's the title of a blog.

i had to think of this line when i pondered on the key that differentiates a books and a really good books. i guess, the really good ones developed over a certain time. like the book i am reading these days. it's from Dava Sobel, “Longitude” – a scientific novel, about the search for the longitude, this measure that makes it possible for sailors (and for all), to define their position in the world.
here the author webpage, which has a focus on the book. dava sobel - click on “personal” on the right column for more about Sobel, she has an amazing biography, and in it, also writes about writing, here the passage:

“Someone once said to me, “I would hate your job. It's like writing one college term paper after another.” That's exactly what it's like, and exactly what I love best about it. People may have the impression that book tours and public appearances are the most exciting times in an author's life. I certainly enjoy those events, and am flattered both by my publishers' willingness to send me on tour and readers' eagerness to come hear me. But writing is really about sitting alone in a room, and the highlights occur in that room, with no one else as witness, in the small moments of the day when the work goes well.”

and here, a line from the book that made me smile, and think of 2028: “Cassini (one of the astronomers of King Louis XIV in France) also called on observers in Poland and Germany to cooperate in an international task force devoted to longitude measurements.”