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Monday, December 15, 2008

Shakespeare and Company



Der Winter ist da, samt Schnee und Kerzen und Nachtfrost. Überall gibt es Listen mit den besten Büchern des Jahres. Besonders nett: die Top Ten Top-Ten List der NewYorkTimes. Amüsant ernsthaft ironisch zu nehmen, je nach Laune.

Ich bin bei meinem eigenen Bücher A bis Z mittlerweile bei Z angelangt: Stefan Zweig. Und: Emile Zola. Doch vor der Lektüre kam dann Nick Hornby dazwischen, mit seinen gesammelten humorigen Berichten aus seinem Leben als Leser, denen jeweils eine Liste der gekauften Bücher vorangeht - und eine Liste der tatsächlich gelesenen Bücher. So eine Art Soll und Haben, samt Erklärung:

Das Buch von Franci Wheen und NoteEven Wrong von Paul Collins waren Leseexemplare, die ich zugeschickt bekam. Ich hatte keine Ahnung, dass ich Wheens Buch würde lesen wollen, bevor ich es in der Post hatte, und nur wegen Wheen las ich dann Lewis, und dann kam Not Even Wrong, und das wollte ich auch lesen, deswegen fiel Buchans Grünmantel unter den Tisch, und zwar endgültig, fürchte ich. Leser sein ist beinah so, als wäre man Präsident, nur dass Lesen in der Regel weniger Staatsempfänge mit sich bringt. Man hat seine Agenda, die man abarbeiten will, doch dann komm einem das Tagesgeschehen dazwischen, Bücher in der Post / der Dritte Weltkrieg, und man lässt sich kurzzeitig vom eingeschlagenen Weg abbringen.

Dazu gibt es parallel Rendez-vous aus dem literarischen Paris: eine kulinarische Reise durch das Paris der zwanziger Jahre von Suzanne Rodriguez-Hunter, die jedem Jahreskapitel eine kurze Liste mit den wichtigsten Ereignissen in den Vereinigten Staaten und in Paris voranstellt.

Das Schöne an dem Buch: beim Lesen treffe ich alle paar Seiten auf alte Bekannte der letzten 2 Lesejahre, die wiederum auf ihre Bekannten treffen: James Joyce, Gertrude Stein, Ernest Hemingway, Djuna Barnes, Scott Fitzgerald...

Ein paar Tage, nachdem sie nach Paris zurückgekehrt waren, schenkte Fitzgerald Hemingway eine Ausgabe seines soeben erschienenen Romans, Der Große Gatsby. Da er Fitzgerald mittlerweile gründlich satt hatte, begab sich Hemingway äußerst widerwillig an die Lektüre, konnte sich aber dem Zauber, der von ihr ausging, nicht lange entziehen. Wenn Fitzgerald solch ein großartiger Roman gelingt, dachte er, wäre es ihm auch zuzutrauen, einen noch wundervolleren zu Papiere zu bringen. Hemingway nahm sich fest vor, ab sofort alles Erdenkliche zu tun, um Fitzgerald zu helfen und ihm ein guter Freund zu sein, ganz gleich, welche Verrücktheiten er sich noch leisten würde.

Damit wäre nun auch klar, wer als nächstes kommt: Fitzgerald. Und dann, nach A bis Z, vielleicht auch, ein anderer Ort. Eine andere Lesart.

Tuesday, August 05, 2008

Zen Mal Zwei



August. Zeit für die Stadtbücherei. Und zwischen den Regalen, Zeit für S. Yep. Ich lese immer noch nach dem Alphabet. Und finde so zurück zu Susan Sontag. Nicht im Original, leider. Vielleicht fällt mir das Buch auch daher schwer. Schon im Titel ist auf deutsch etwas verloren gegangen: von Death Kit zu Todesstation.

Dafür bleibe ich an den Zeilen der dritten Seite hängen.

Diddy, nicht wirklich lebendig, hatte ein Leben. Was kaum dasselbe ist. Manche Menschen sind ihr Leben. Andere, wie Diddy, bewohnen es bloß. ... Menschen, die bloß ein-Leben-haben, sind gewöhnt, sich in einer dicken Flüssigkeit zu bewegen. Nur das ermöglicht ihnen ihr Leben zu führen. Ihr Leben hängt davon ab, daß sie nicht sehen.

Zen, denke ich. Und fange nach asiatischer Tradition an, von hinten zu lesen. Auf Seite 373, bei dem Nachwort, das auch eine Erklärung ist: im Zentrum des Buches steht ein Traum. Und das Buch selbst, es ist eine Raum-Konstruktion. Eine Darstellung der Unwirklichkeit und Brüchigkeit unserer Realität.

Schnitt. Sprung. Seitenwechsel.

Von Sontag zu Stein. Die, wie Sontag, verwegene Wege geht.

"Komplikationen sind immer einfach, aber eine andere Sichtweise als die der ganzen Welt ist ganz selten. Die Sachen auf eine neue Art sehen, das ist schwierig, alles hält einen zurück, Gewohnheiten, Schulten, das tägliche Leben."

Sehen, denke ich. So wie Diddys Leben davon abhängt, nicht zu sehen - hing das Leben von Stein daran, zu sehen. So ist es auch keine Überraschung, dass es in Paris sie und ihr Bruder Leo waren, die neu sahen. Und dafür einen Raum schufen, in der Rue de Fleurus. Schwer, sich vorzustellen, dass damals all die heute großen Namen noch kleiner waren. Dass die Leute über die Impressionisten lachten, über Maler wie Cézanne, Matisse oder Picasso.

Und später dann, nach dem ersten Weltkrieg, wird der Salon Treffpunkt der neuen Literatur. Ezra Pound. T.S. Eliot. Ernest Hemingway. James Joyce. Djuna Barnes.

Und Stein schreibt. Und schreibt. Und findet keinen Verleger. Wahrscheinlich, weil sie zu weit war, für ihre Zeit.

*

Kleine Anekdote am Rand - hier, in der Biografie, finde ich zufällig die Geschichte der Rose. Sie stammt aus einem Kinderbuch, das Stein schreibt: eine Geschichte über ein Mädchen namens Rose, die im Wald ihren Namen an einen Baum schreibt.

sie würde rundherum immer rundherum aber nicht krumm Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose in die Rinde ritzen bis es ganz rundherum reichte.

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Friday, March 16, 2007

Paris, Joyce, Beckett



Manchmal gibt es zwischen Büchern unsichtbare Verbindungen. Orte und Namen, die an verschiedenen Stellen unterschiedlicher Bücher auftauchen, und eine eigene Geschichte schreiben, jenseits der Inhaltsverzeichnisse. Ich hätte es ahnen können, immerhin steht es auf Djuna Barnes Buch in weiß auf rot. Paris. Joyce. Von dort sind es nur ein paar Schritte zum Café Aux deux Magots, an dem Barnes ihn sieht, und erkennt.

In dem Augenblick, als ich ihn sah, schoß mir die Bemerkung eines seiner schwärmerischen Verehrer durch den Sinn - "Ein Mann, der wie kein zweiter Schriftsteller unseres Zeitalters ans Kreuz seiner Sensibilität geschlagen worden ist" - und ich sagte mir: Eine merkwürdige Art, einen Mann zu erkennen, den ich noch nie zu Gesicht bekommen habe.
Weil er vom Verbot der Little Review wegen des Ulysses-Abdrucks gehört hatte, setzte er sich zu mir, die ich mit der ganzen Geschichte vertraut war, und bestellte einen Weißwein. Er begann sofort zu reden. "Das Bedauerliche ist," sagte er, "das Publikum wird von meinem Buch eine Moral verlangen und sie darin auch finden - oder schlimmer noch, man wird darin womöglich etwas sehr Ernsthaftes erblicken, und ich gebe Ihnen das Ehrenwort eines Gentleman darauf, daß sich darin nicht eine einzige ernsthafte Zeile findet."

Nach Barnes dann Burroughs. Die Vier Apokalyptischen Reiter. Und ein Irrtum: das Buch ist keine Novelle, sondern ein Vortrag. Gehalten von Burroughs 1984, bei der Planet Earth Conference. Es beginnt mit einer Kurzbiografie. Oder eher: einer Kurzcharakerisierung, die neben einer MickeyMouse-Karrikatur steht, und sich wie Zeilen eines futuristischen Romans liest.

Er lebte in Tanger, Paris, London, New York. In seinem Werk brachte er die Cut-up-Technik zur Anwendung, eine komplizierte Montagetechnik, mittels derer die Macht des von der linken Gehirnhälfte gesteuerten linearen Denkens gebrochen und Assoziationsmuster bildende Aktivitäten der rechten Gehirnhälfte angeregt werden sollen.

Dann der Vortrag. Und die unerwartete Fortsetzung des Diskurses über Kunst, der Anfang Februar mit einem Zitat von Paul Klee zu Paul Auster führte, und seiner Aussage "The true purpose of art was not to create beautiful objects, he discovered. It was a method of understanding, a way of penetrating the world and finding one’s place in it." (aus: Moon Palace / Das Unsichtbare sichtbar machen). Und nun, Burrroughs. Einen Monat später. In überraschend klaren und ungecutteten Worten, die sich in gleich zwei Richtungen verbinden, einmal mit Auster, und einmal mit Ulysses.

Kunst und kreatives Denken haben meiner Meinung nach die Funktion, die Menschen auf etwas aufmerksam zu machen, das sie innerlich bereits wissen, aber noch nicht als Faktum anerkennen. Die Leute wußten, die Erde ist rund, sie glaubten, sie wäre flach. Als Cezanne zum ersten Mal ausgestellt wurde, begriffen die Leute nicht, daß es sich um Gegenstände in bestimmtem Licht, aus einem bestimmten Blickwinkel gesehen handelt. Das brachte sie dermaßen auf, daß sie die Leinwand mit Regenschirmen attackierten. Heute sieht jedes Kind: Dies ist eine Birne, dies ist ein Fisch. Ist der Durchbruch einmal geschafft, setzt sich das im allgemeinen Bewusstsein fest. Wie Joyce, der die Leute auf ihren eigenen Bewusstseinsstrom aufmerksam machte. Heute wird kein Mensch mehr auf den Gedanken kommen, den Ulysses als unverständlich einzustufen.

Also ob das nicht genug des Zufalls wäre: Samuel Beckett. Von dem ich nur wusste, dass er Ire war, Warten auf Godot geschrieben hat, und den Literaturnobelpreis bekam. Was ich nicht wusste - aber man ahnt es bereits: Beckett ging nach Paris. Und traf dort... Joyce. Was kein wirklicher Zufall ist.

Paris ist Ende der 1920er Jahre das künstlerische Zentrum der Welt und deshalb für den Aufenthalt eines jungen Mannes ein famoser Ort.
Joyce - er schreibt nicht über etwas, sein Schreiben ist dieses etwas selbst. Als ich ihn kennenlernte, hatte ich nicht vor, Schriftsteller zu werden. Das kam erst später, als ich herausbekam, daß ich überhaupt nicht zum Lehrer taugte.


100 Seiten weiter in der Biografie hat die Zeit das Jahr 1969 erreicht. Beckett lebt in Ussy, schreibt auf französisch, und geht seiner Lungen wegen in Winterurlaub mit seiner Frau nach Tunesien, wo das Paar von Dauerregen und Überschwemmungen heimgesucht wird, die sie ans Mittelmeer vertreiben. Dort erreicht Beckett, der nicht bereit ist, öffentlich aufzutreten, eine weitere Katastrophennachricht in Form eines Telegramms: "Trotz allem haben sie Dir den Nobelpreis verliehen - Ich rate Euch, unterzutauchen."

Und auch bei Beckett liest sich die Biografie wie ein Roman. Und schließt den Kreis um Paris.

Zu den Problemen, die der Nobelpreis Beckett einträgt, zählt das Preisgeld von immerhin 375.00 Kronen. Den Preis nimmt Beckett an ("es wäre unhöflich, ihn zurückzuweisen"), doch das Preisgeld gibt Beckett weiter. Im Gegensatz zu Joyce - "Der hätte es auszugeben gewusst" - hat Beckett keine Verwendung für so große Summen, und bittet seine Verleger um Adressen von Autoren, die Geld gebrauchen können. Das gesamte Preisgeld verteilt er anonym an Schriftsteller - darunter auch Djuna Barnes, die Beckett aus den Jahren gemeinsamer Joyce-Bekanntschaft kennt.

Barnes, Burroughs, Beckett
Paris, Joyce, Paris

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